
Waschbären sind in Berlin flächendeckend beheimatet und erobern zunehmend auch Wohnviertel. Sie gelten als invasive Art, können Schäden an Gebäuden verursachen und haben keine natürlichen Fressfeinde. Auch in Reinickendorf sind Anwohnerinnen und Anwohner frustriert, wenn sie von Waschbären verursachte Schäden auf ihren Grundstücken entdecken. Samuel Märkt, SPD-Abgeordnetenhauskandidat für Heiligensee, Konradshöhe, Tegelort, Tegel, Tegel-Süd und Saatwinkel, fordert daher jetzt ein wirksames Schutz- und Bestandskonzept gegen die Waschbärinvasion. Dazu gehören nach seinen Vorstellungen transparente Informations- und Beratungsangebote, finanzielle Unterstützung beim Schutz von Lauben und Dachböden sowie ein Pilotprojekt zur Kastration der Tiere, um deren Nachwuchs zu reduzieren.
„Die Reinickendorfer können ein Lied davon singen, was Waschbären so alles anrichten können. Bei vielen Eigentümern und Mietern macht sich mit Blick auf die angerichteten Schäden inzwischen Verzweiflung breit. Land und Bezirk müssen sich dieses Themas endlich annehmen und auch mit Blick auf den Tierschutz eine angemessene Bestandskontrolle organisieren“, argumentiert Märkt.
Unverständlich ist für ihn, dass nach seiner Darstellung die CDU im Senat die Waschbärberatung im Haushalt gestrichen hat. „Da muss im nächsten Landeshaushalt nachgebessert werden“, fordert Märkt. Dem Bezirk schlägt er eine „Task-Force“ vor, in der Land, Bezirk und BSR gemeinsam mit Naturschutzverbänden und Anwohnenden ein wirksames Schutz- und Bestandskonzept erarbeiten sollen.
Wie stark der Bezirk betroffen ist, zeigt eine Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen Abgeordneten June Tomiak vom 8. Januar 2026. Demnach gab es zwischen 2020 und Anfang 2026 in Berlin 83 Entnahmen von Waschbären, davon 24 über die Stadtjagd. Sie dienten dem Schutz sensibler Infrastruktur, der Abwendung erheblicher Objektschäden oder der Einhaltung von Hygieneanforderungen. Von den 19 Fällen, in denen Objektschäden abgewendet werden sollten, entfielen vier auf Reinickendorf. Das ist der höchste Wert aller Bezirke, In Pankow, Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf gab es je drei Fälle.
Die Umweltverwaltung setzt auf Beratung
Die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt teilte der Dorfzeitung mit, dass Waschbären im gesamten Stadtgebiet in unterschiedlichen Dichten leben. Bei einer derart weit verbreiteten invasiven Arten sei daher eine vollständige Beseitigung in aller Regel nicht mehr möglich. Im Sinne der EU-Verordnung über invasive gebietsfremde Arten komme daher nur noch ein Management in Betracht, das darauf ziele, die Auswirkungen auf die Biodiversität zu minimieren. Im Rahmen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz wurde ein Maßnahmen- und Managementblatt Waschbär unter Beteiligung des Landes Berlin erstellt. Darin wird der Schwerpunkt auf dem Schutz gefährdeter Arten und auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt.
Den Grund dafür nennt die Verwaltung gleich mit: Waschbären hätten sich die Vorteile der Stadt mit ihrem vielfältigen Nahrungsangebot erschlossen. Hauptziel sei es deshalb, darüber aufzuklären, dass eine gezielte Fütterung zu unterlassen ist. Zudem soll verdeutlicht werden, welche Aktivitäten unbeabsichtigt zur Fütterung der Tiere beitragen. Ziel sei es, Konflikten vorzubeugen und zugleich auf einen insgesamt veränderten Umgang mit Wildtieren im städtischen Raum hinzuwirken.
Information und Beratung seien der zentrale Hebel im Umgang mit Waschbären, da sie unmittelbar an den Ursachen ansetzen: an leicht zugänglichen Nahrungsquellen und an ungesicherten Zugängen zu Gebäuden. Entsprechende Angebote bestünden bereits in erheblichem Umfang und in verschiedenen Kommunikationsmitteln, so die Senatsverwaltung.
Kastration wurde nach intensiver Prüfung abgelehnt
Über die Kastration von Waschbären liegen der Senatsverwaltung keine belastbaren Studien vor. Im Jahr 2022 wurde ein entsprechendes Projekt beantragt. Nach intensiver Prüfung wurde der Antrag jedoch im Jahr 2024 abgelehnt. Die Jagdbehörde war dagegen, weil sie die Voraussetzungen für eine Ausnahme vom Fallenfangverbot als nicht erfüllt ansah. Für Berlin gilt ein grundsätzliches Verbot von Lebendfallen und an diesem Verbot will die Senatsverwaltung für Umwelt nach eigenen Angaben festhalten. Einem Pilotprojekt steht damit aktuell primär die Rechtslage entgegen und nicht fehlende Haushaltsmittel.
Die Senatsverwaltung bestätigt, dass die Finanzierung des Projektes ‚Waschbär-vor-Ort‘ ausgelaufen ist. Es gäbe aber zahlreiche alternative Beratungs- und Informationsangebote. Ratsuchende könnten sich weiterhin an das Netzwerk „Wildtiernah Berlin“, an die Wildtierberatung des NABU sowie an die Berliner Forsten und die Jagdbehörde wenden. Ergänzend hat auch die Senatsverwaltung Informationsmaterialien verfügbar.
Auf ihrer Internetseite wird umfänglich über Lebensweise, Konfliktvermeidung und Schutzmöglichkeiten informiert. Dort stehen auch Materialien zum Herunterladen bereit, darunter eines mit dem Titel „Bitte nicht füttern! Füttern ist falsch verstandene Tierliebe“. Zum Fütterungsverbot von Wildtieren hat die Verwaltung zusätzlich einen gedruckten Flyer herausgegeben. Im Auftrag der Jagdbehörde bietet der NABU eine telefonische Beratung zu allen jagdbaren Tierarten an.
Als zentrale Anlaufstelle wurde 2025 außerdem das Netzwerk „Wildtiernah Berlin“ gestartet, das die Senatsverwaltung fördert. Zum Thema Waschbär werde dort ergänzend zu einer telefonischen und in Einzelfällen einer Vor-Ort-Beratung auch ein Waschbärkonzept erarbeitet.
NABU: Mülltonnen sichern hilft mehr als Kastrieren
Skeptisch bewertet auch die Wildtierberatung des NABU Berlin den Kastrationsvorschlag. Für ein solches Vorgehen gebe es bislang keine Beispiele, seine Wirkung lasse sich deshalb nicht sicher bewerten, sagte Katrin Koch, Mitarbeiterin in der Wildtierberatung, der Dorfzeitung. Ein für die Kastration gefangener Waschbär dürfe zudem nicht wieder freigelassen werden. Der Eingriff in eine Wildtierpopulation sei gravierend, teuer und schwer durchführbar. Zudem ist der Erfolg fraglich, da ausbleibender Nachwuchs einer Bärin möglicherweise Platz für neu zuwandernde Tiere schafft.
Deutlich sinnvoller sei es daher, das Nahrungsangebot zu verknappen. Mülltonnen müssen so verschlossen sein, dass Waschbären sich nicht selbst bedienen können. Auf eine aktive Fütterung sollte grundsätzlich verzichtet werden. Leider findet sie aus falsch verstandener Tierliebe immer wieder statt. Wildtiere zu füttern, ist jedoch kein Beitrag zum Naturschutz.
Krankheiten wie Staupe und Räude sowie Verkehrsunfälle dezimieren regelmäßig den Bestand des Waschbären. Doch trotz der jährlichen Tötungen mache es den Eindruck, dass die Population der Tiere nicht abnehme. Es fehlen aber belastbare, wissenschaftliche Erkenntnisse. Dafür sind umfangreiche Forschungsprogramme nötig. Erst danach kann bewertet werden, welche Maßnahmen wirksam und verhältnismäßig sind.
Bei der täglichen Beratung am Wildtiertelefon sei das häufigste Problem der ins Gebäude eingedrungene Waschbär. Es ist eine echte Herausforderung, ein Haus vollständig „waschbärsicher“ zu machen. Der NABU wünscht sich zu diesem Thema noch mehr Informationsangebote. Diese sollte sich auch gezielt an Dachdecker und Schädlingsbekämpfer richten, die mit diesem Wissen ihre Kunden besser beraten können. Auch eine Vor-Ort-Beratung durch Berufsjäger oder Wildbiologen sei ein sinnvolles Angebot.
Bezirksamt will die Wirksamkeit prüfen lassen
Das Bezirksamt Reinickendorf will zunächst prüfen, ob und in welchem Umfang der Waschbärproblematik künftig verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Vorstellbar wären Projekte oder Fördermaßnahmen auf Landes- oder Bezirksebene. Dabei sei jedoch abzuwägen, welches Gewicht die Waschbärschäden im Verhältnis zu Beeinträchtigungen durch Wildschweine oder Marder haben. Angesichts der begrenzten personellen und finanziellen Mitteln müssen dabei Schwerpunkte gesetzt werden, teilte ein Sprecher von Bezirksstadtrat Sebastian Pieper der Dorfzeitung mit.
Bevor es zur Kastration von Waschbären kommt, erscheint es dem Bezirksamt zunächst sinnvoll, die Wirksamkeit wissenschaftlich untersuchen zu lassen, etwa durch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Nötig sei außerdem eine tierschutzrechtliche Bewertung: Zu prüfen wäre, ob eine hohe Populationsdichte bei den Tieren Leiden verursacht und ob dieses gegenüber den Belastungen eines Kastrationseingriffs überwiegt.
Dem Vorschlag einer gemeinsamen Task-Force steht das Bezirksamt grundsätzlich offen gegenüber. Entscheidend sei allerdings nicht die Schaffung eines weiteren Gremiums, sondern dass die beteiligten Stellen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse bündeln, Zuständigkeiten klar benennen und daraus konkrete Maßnahmen für den Umgang mit Waschbären entwickeln. Das berlinweiten Netzwerk „Wildtiernah Berlin“ ist bereits als zentrale Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger, Verbände, Vereine und Verwaltungen bei Fragen und Problemen im Umgang mit Wildtieren angelegt. Es berät auch bezirkliche Einrichtungen. Die vorgeschlagene, regelmäßige Abstimmungsrunde unter Beteiligung von Land, Bezirk, BSR, Naturschutzverbänden und Anwohnenden solle daher idealerweise an bestehende Strukturen andocken. In diesem Gremium könne auch besprochen werden, ob die bestehenden jagdrechtliche Grenzen den aktuellen Herausforderungen ausreichend Rechnung tragen oder an einzelnen Stellen rechtliche Regelungen angepasst werden müssen.
Das Bezirksamt weist ebenfalls darauf hin, dass die Diskussion auf einer belastbaren Grundlage geführt wird. Bei der Veterinär- und Lebensmittelaufsicht gehen regelmäßig Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern zu unterschiedlichen Wildtierarten ein, vermehrt aus den locker bebauten Randlagen des Bezirks. Dort kommt es insbesondere auf privaten Grundstücken und in Gärten wiederholt zu unmittelbaren Begegnungen mit Waschbären. Neben Waschbären betreffen die Beschwerden aber insbesondere auch Füchse und Wildschweine. Deshalb sollte betrachtet werden, in welchem Umfang von Waschbären tatsächlich Schäden, Belastungen oder Gefahren ausgehen und welche Maßnahmen geeignet und verhältnismäßig sind. Die Anzahl der eingehenden Hinweise sei jedoch in den letzten Jahren relativ konstant geblieben.
Auch bezirkseigene Gebäude sind betroffen
Auch eine Reihe von bezirklichen Liegenschaften sind in unterschiedlichem Umfang von Waschbärenbefall betroffen:
- Haus der Jugend „Fuchsbau“, Thurgauer Straße 66
- Haus am See (JSF 46), Stargardtstraße 9
- Filiale des Humboldt-Gymnasiums („Grünes Haus“)
- Verwaltungsgebäude Teichstraße 65, Haus 1 bis 4
- Bibliothek Reinickendorf-West, Auguste-Viktoria-Allee 29–31
- Jägerhäuschen
- Familienzentrum Tietzia
- Büroräume An den Borsighallen 12
An sämtlichen genannten Standorten wurden Waschbären regelmäßig gesichtet, oder es fanden sich eindeutige Spuren ihrer Anwesenheit: aufgeschobene Dachziegel, Nester, Kot- und Urinrückstände und beschädigte Bauteile. Gegen die Schäden hat der Bezirk bereits umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Er hat Dachöffnungen baulich abgedichtet, Aufstiegsmöglichkeiten an Bäumen und Fassaden zurückgeschnitten sowie kontaminierte Gebäudeteile gereinigt und desinfiziert. In einem Pilotprojekt kam am Haus der Jugend „Fuchsbau“ an der Regenrinne und an einem Dienstgebäude in der Teichstraße 65 ein stromführender Tierabwehrzaun hinzu. Trotz dieser Maßnahmen kommt es weiterhin zu Waschbäraktivitäten. Eine dauerhafte Schadensvermeidung ist bislang nicht gelungen.
Wie viele Tiere in Berlin leben, weiß niemand genau
Nach Angaben von Sebastian Märkt wird die Waschbärpopulation in Berlin auf über 1.000 Tiere und deutschlandweit auf bis zu zwei Millionen geschätzt. Eine amtliche Grundlage dafür gibt es nicht. Dem Senat liegen keine Zahlen dazu vor. Ein Monitoring findet weder in Berlin noch in anderen Bundesländern statt. Der Senat geht aber aufgrund der jährlichen Jagdstrecken und der stetig zunehmenden Bürgeranfragen von einem deutlichen Anstieg in den vergangenen 20 Jahren aus.
Der einzige harte Wert ist die Jagdstrecke. Im Jagdjahr 2024/25 standen in Berlin 285 Waschbären auf der Strecke, 14 weniger als im Vorjahr. Berlin war neben dem Saarland das einzige Bundesland mit rückläufiger Strecke, bundesweit stieg sie auf 284.220 Tiere. Ein Maß für den Bestand ist die Jagdstrecke allerdings nicht, weil sie auch überfahrene und tot aufgefundene Tiere umfasst.
Was Betroffene jetzt tun können
Rat gibt es beim Wildtiertelefon des NABU Berlin unter der Nummer (030) 54 71 28 91 und per Mail an wildtiere@nabu-berlin.de. Die Senatsverwaltung stellt auf ihrer Internetseite Material zur Lebensweise der Tiere, zur Konfliktvermeidung und zum Fütterungsverbot bereit. Der wichtigste Rat von allen Experten lautet immer gleich: nicht füttern, Mülltonnen verschließen und Zugänge zu Dachböden, Garagen und Lauben sichern.
DZ
Rat und Hilfe bei Waschbären
Wildtiertelefon: NABU Berlin, Telefon (030) 54 71 28 91, wildtiere@nabu-berlin.de
Anlaufstelle: Netzwerk „Wildtiernah Berlin“, gefördert von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt
Internetseite von Wildtiernah Berlin: https://www.wildtiernahberlin.de/
Internetseite der Senatsverwaltung: berlin.de/sen/uvk/natur-und-gruen/jagd-und-wildtiere/wildtiere-im-stadtgebiet/waschbaer/
Internetseite des NABU: https://berlin.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/waschbaer/index.html
Internetseite der Veterinär- und Lebensmittelaufsicht: https://www.berlin.de/ba-reinickendorf/politik-und-verwaltung/aemter/ordnungsamt/veterinaer-und-lebensmittelaufsicht/
Vorbeugen: Wildtiere nicht füttern, Mülltonnen und Komposter verschließen, Zugänge zu Dachböden, Garagen und Lauben sichern

