
Das ehemalige Waldhotel an der B96 in Frohnau soll zu einer Gemeinschaftsunterkunft für wohnungslose Familien und wohnungslose pflegebedürftige Menschen umgebaut werden. Das Vorhaben wird derzeit verwaltungsintern geprüft, nachdem am 18. Juni vom Eigentümer der Immobilie ein Antrag auf Baugenehmigung gestellt wurde. Darüber informierten die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Korinna Stephan (B’90/Grüne) und Uwe Brockhausen (SPD), Bezirksstadtrat für Soziales und Gesundheit in der BVV-Sitzung am 8. Juli nach einer Anfrage des Bezirksverordneten Richard Gamp (CDU). Der Bezirk habe ein massives Interesse daran, Pflegebedürftige und Familien unterbringen zu können, da der Bedarf massiv steigend sei, sagte Brockhausen. Ohne einer rechtlichen Prüfung vorgreifen zu können, sehe er in der Nutzung an diesem Standort keinen Konflikt.
Seitdem wird über die Pläne heftig diskutiert. Befürchtungen über sinkende Immobilienpreise, steigende Kriminalität und fehlende soziale Infrastruktur für ein solches Angebot wurden geäußert. „Wer obdachlosen Menschen dauerhaft helfen will, braucht einen Standort mit einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sowie kurzen Wegen zu Behörden, Ärzten, Beratungsstellen und weiteren sozialen Angeboten“, schreibt Gamp in einem Bürgerbrief. Genau diese Voraussetzungen sind aus seiner Sicht am ehemaligen Waldhotel nicht gegeben.
Gamp kritisiert zudem die fehlende Transparenz beim Vorgehen der zuständigen Stadträte. „Über Monate hinweg wurden die Frohnauer weder informiert noch beteiligt“, schreibt Gamp. Stadtrat Brockhausen habe sich zudem bereits früh für die Einrichtung ausgesprochen, obwohl zunächst alle rechtlichen, sozialen und städtebaulichen Fragen geprüft werden müssten. Für ihn dränge sich der Eindruck auf, dass das Ergebnis dieser Prüfung aus ideologischen Gründen bereits feststehen würde.
Bei einer von der CDU initiierten Umfrage haben sich nach Angabe von Gamp jedoch über 70 Prozent der 440 Antwortenden gegen diese Einrichtung in Frohnau ausgesprochen.
Bürgerverein sammelt Fakten und wirbt für Sachlichkeit
Der Bürgerverein Frohnau verweist auf die Geschichte des Ortsteils: Frohnau hat schon wiederholt soziale Einrichtungen integriert – für Kriegsversehrte, Menschen mit Behinderungen, Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen sowie suchtkranke Menschen. Dabei wurden meist städtebaulich und organisatorisch verträgliche Lösungen gefunden. Einerseits gäbe es verständliche Sorgen in der Nachbarschaft, etwa hinsichtlich möglicher Konflikte. Andererseits stehe der Bezirk in der Verantwortung, Wohnraum für hilfsbedürftige Menschen bereitzustellen.
Zur Versachlichung der Debatte und für mehr Transparenz hat der Bürgerverein Frohnau die bisher bekannten Fakten gesammelt und Fragen an Betreiber Home & Care Reinickendorf GmbH und das Bezirksamt gestellt. Die Antworten sind auf der Website des Bürgervereins zu finden.
Da das Grundstück in einem Allgemeinen Wohngebiet liegt, sind soziale Einrichtungen grundsätzlich zulässig (§ 4 BauNVO), erläutert der Bürgerverein. Hinzukommt – insbesondere bei größeren und eher atypischen Projekten – die weitere Prüfung der Gebietsverträglichkeit (§ 15 BauNVO). Dabei werden ausschließlich städtebauliche Kriterien berücksichtigt, nicht sozialpolitische Aspekte. Für soziale Einrichtungen in einem Wohngebiet gilt kein allgemeines Abstands- oder Trennungsgebot. Zudem schützt das allgemeine Städtebaurecht nicht die soziale Zusammensetzung eines Ortsteils.
Sollte das Projekt nach Prüfung genehmigungsfähig sein, verfügt der Bezirk jedoch über Einflussmöglichkeiten, die über das Baurecht hinausgehen, da er für die Wohnungslosenhilfe verantwortlich ist. Um die Sorgen der Nachbarschaft aufzugreifen, erwartet der Bürgerverein verlässliche Regelungen, die die vom Träger angekündigten Maßnahmen zur Betreuung und Konfliktvermeidung verbindlich festschreiben und gegebenenfalls erweitern. Ebenso sollte dauerhaft sichergestellt werden, dass sich der Kreis der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner auf die derzeit genannten Zielgruppen konzentriert, fordert der Verein.
Was nach bisherigem Stand geplant ist
Nach den bisher verfügbaren Informationen ist in dem Gebäude keine Not- oder Krisenunterbringung mit kurzfristig wechselnder Belegung vorgesehen. In dem Haus sollen Personen mit einem ambulanten Pflegebedarf sowie Familien untergebracht werden. Die Bewohner werden über das Bezirksamt Reinickendorf zugewiesen. Bleiben Plätze frei, erhalten Bezirksämter anderer Bezirke die Möglichkeit, Personen zuzuweisen. Dabei sollen nur Personen für die Belegung infrage kommen, die der sozialen Wohnhilfe längerfristig bekannt sind und die in früheren Einrichtungen ihre Fähigkeit zur Integration und zum Zusammenleben bereits unter Beweis gestellt haben. Insgesamt stehen 54 Plätze in zwei Vier-Bett-Zimmern, drei Drei-Bett-Zimmern, 16 Zwei-Bett-Zimmern sowie fünf Einzelzimmern zur Verfügung. Neun Plätze sind barrierefrei, vier sind rollstuhlgerecht. Angekündigt sind eine soziale Betreuung, ambulante Pflege, ein Hausmeisterdienst und ein Sicherheitskonzept.
Nach Angaben des Bürgervereins hat das Unternehmen Home & Care als potenzieller Betreiber bereit schriftlich erklärt, dass ihm an einer sachlichen Debatte gelegen sei und es auch kritische Meinungen ernst nehme. Das Unternehmen wäre demnach bereit, Nutzungszweck, Nutzergruppe und weitere Maßnahmen zur Betreuung und zur Konfliktvermeidung rechtlich zu fixieren, wenn dafür geeignete Wege gefunden werden.
Das Unternehmen betreibt in Reinickendorf eine weitere Einrichtung für wohnungslose Menschen in einem ehemaligen Hotel im Märkischen Viertel sowie eine Einrichtung für wohnungslose Familien mit 50 Plätzen in Lankwitz.
Mehrere Parteien befürworten über die Unterkunft
Die Grünen-Ortsgruppe Frohnau stellt sich gegen eine grundsätzliche Ablehnung der Pläne. Sie betont, dass viele Frohnauer nicht die Augen vor der Lebensrealität von Menschen in Not verschließen würden. Frohnau biete die notwendige Infrastruktur mit Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schulen, um 54 Wohnungslosen eine vorübergehende Heimat zu geben.
„Viele Frohnauer sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und mitzuhelfen, den Schwächsten der Gesellschaft Halt zu geben“, sagt Dr. Reinhard Koppenleitner für die Ortsgruppe der Frohnauer Grünen. „In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung und zunehmender Polarisierung kann Frohnau hier ein Zeichen setzen und zeigen, dass es offen ist für alle Menschen – besonders auch für Menschen in Not. Die Ortsgruppe Frohnau der Grünen hat aber auch ein Ohr für die Sorgen der Frohnauer Bevölkerung vor möglichen Veränderungen und wird die weiteren Planungen und Entwicklungen für die Notunterkunft begleiten.“ Die Ortsgruppe mache sich daher Gedanken, wie Frohnauer gegebenenfalls selbst aktiv werden können, um den zukünftigen neuen Nachbarn im Waldhotel dann ehrenamtliche Hilfe zukommen zu lassen.
Auch die FDP Reinickendorf hat sich eingeschaltet und kritisiert die ablehnende Haltung der CDU. „Hier geht es offensichtlich nicht um eine sachliche Neubewertung, sondern um parteipolitisches Kalkül. Wer soziale Fragen für den Wahlkampf instrumentalisiert, wird weder den betroffenen Menschen noch den Anwohnerinnen und Anwohnern gerecht“, erklärt David Jahn, FDP-Fraktionsvorsitzender in der BVV-Reinickendorf. Er ergänzt: „Ich erlebe unseren Ortsteil hingegen als verantwortungsbewusst und solidarisch. Frohnau hat eine lange Tradition sozialen Engagements und viele Bürgerinnen und Bürger sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn Politik ehrlich kommuniziert und Lösungen nachvollziehbar erklärt.“ Da das frühere Hotel seit geraumer Zeit leer steht, hält die FDP eine baldige neue Nutzung für erstrebenswert, um einer weiteren Verwahrlosung des Grundstücks entgegenzuwirken.
Die gute soziale Lage stehe einer Notübernachtung für wohnungslose Familien nicht entgegen, sagen Vertreter der SPD und verweisen auf Erfahrungswerte mit einer ähnlichen Einrichtung im Diakoniezentrum Heiligensee. Dort stehen seit 2019 wohnungslosen Frauen und Kindern 44 Schlafplätze zur Verfügung. Die Einrichtung biete neben einer Rund-um-die-Uhr-Grundversorgung auch unterschiedliche Beratungsangebote.
„Die Einrichtung ist gut in die Nachbarschaft integriert und leistet eine hervorragende Arbeit“, sagt Samuel Märkt, der für die SPD in Heiligensee als Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus kandidiert. „Wenn mich eine Familie nicht gerade nach dem richtigen Weg fragt, nehme ich die Einrichtung überhaupt nicht wahr“, zitiert Märkt in einer Mitteilung eine Anwohnerin.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Stadtrat Uwe Brockhausen: „Aus der Nachbarschaft sind keine Beschwerden im Kontext der Einrichtung bekannt.“ Vielmehr gäbe es laut Märkt ein großes Engagement der Nachbarschaft, etwa durch Sachspenden. Gemessen an den Heiligenseer Erfahrungen ist Märkt zuversichtlich, dass sich die geplante Unterkunft für wohnungslose Familien gut in Frohnau einfügen würde und sich die anfänglichen Sorgen schnell legen werden.
Fragen und Einschätzungen sind am 28. August erwünscht
Über die Einzelheiten der Pläne wollen der Eigentümer und das Bezirksamt Reinickendorf am Freitag, 28. August, bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Kulturhaus Centre Bagatelle informieren. Für das Bezirksamt sind die für Stadtplanung und Bauaufsicht Bezirksstadträtin Korinna Stephan und Bezirksstadtrat Uwe Brockhausen vor Ort. Beginn ist um 17:30 Uhr. Der Bürgerverein, auf dessen Anregung die Veranstaltung zurückgeht, wünscht sich, dass dabei die Bedenken ernst genommen, offene Fragen sachlich geklärt werden. Gemeinsam soll eine tragfähige Lösung im Sinne eines guten Miteinanders und sozialer Verantwortung gefunden werden.
DZ
Die Informationsveranstaltung
Datum: Freitag, 28. August 2026, ab 17.30 Uhr
Ort: Kulturhaus Centre Bagatelle, Zeltinger Straße 6, 13465 Berlin-Frohnau
Veranstalter: Bezirksamt Reinickendorf und Home & Care Reinickendorf GmbH
Anfahrt: S-Bahnhof Frohnau (S1), rund 300 Meter Fußweg; Busse 125 und 220 halten am Zeltinger Platz

