
Der Wohnungsmangel bleibt weiterhin hoch: Aktuell fehlen in Berlin 56.000 Wohnungen, bundesweit sind es 1,35 Millionen. Das geht aus dem „Bau-Monitor 2026“ hervor, den das Pestel-Institut am 26. August 2026 in Berlin vorgestellt hat. „Es werden so viele Wohnungen gebraucht wie lange nicht. Und es werden so wenige Wohnungen gebaut wie lange nicht“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut.
Die Studie analysierte im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) die aktuelle Lage auf dem Bau und auf den Wohnungsmärkten in Deutschland. Ein Grund für den Wohnungsmangel ist demnach die Beschäftigungsentwicklung. Sie ist in den vergangenen 15 Jahren bundesweit um über ein Viertel gestiegen. Boom-Region Nummer 1 ist dabei Berlin. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in der Hauptstadt mit rund 50 Prozent enorm zugelegt. Entsprechend stark ist der Druck auf dem Wohnungsmarkt, da der Neubau in Berlin bei Weitem nicht mitgezogen hat.
Berlin ist die Boom-Region Nummer eins
Dadurch gehe ein erhebliches Wirtschaftswachstum verloren. Das koste Deutschland unmittelbar 0,6 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) und in der Folge einen Wohlstandsverlust von insgesamt mindestens 1 Prozent, sagen die Wissenschaftler. Doch die Wohnungsknappheit sei nicht nur eine Wachstumsbremse. Gerade in Großstädten und Metropolregionen werde es immer schwieriger, frei werdende Arbeitsplätze vor allem in unteren Einkommensgruppen neu zu besetzen. „Menschen ziehen nicht zum neuen Arbeitsort, wenn sie dort keine Wohnung finden, die sie sich auch leisten können“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther. So werde der Wohnraummangel auch zur Beschäftigungsbremse.
Die Länderauswertung der Studie beziffert auch, was der Einbruch die Hauptstadt kostet: Von 2023 bis 2025 ging der Neubau in Berlin im Geschosswohnungsbau um 4.139 Wohnungen zurück, bei den Ein- und Zweifamilienhäusern um 184. Der Bauwirtschaft entging dadurch allein in Berlin ein Netto-Umsatz von 726 Millionen Euro. Der Fiskus nahm 138 Millionen Euro weniger Umsatzsteuer und 61 Millionen Euro weniger Grunderwerbsteuer ein; dazu kommen 156 Millionen Euro an Gehältern, die den Beschäftigten der Branche entgingen.
Reinickendorf: 120 fertiggestellte Wohnungen im Jahr 2025
Wie sich die Krise im Bezirk niederschlägt, zeigen Zahlen, die Reinickendorfs Stadtentwicklungsstadträtin Korinna Stephan (Bündnis 90 / Grüne) der Dorfzeitung genannt hat. Demnach wurden in Reinickendorf im vergangenen Jahr nur 120 Wohnungen fertiggestellt. 2022 waren es noch 1.014, 2023 dann 509 und 2024 746 Fertigstellungen (Quelle: Statistisches Landesamt Berlin/Brandenburg).
Bei den Genehmigungen sieht es etwas besser aus: 2025 wurden 88 neue Wohngebäude mit 1.730 Wohneinheiten genehmigt, dazu kamen 37 Wohneinheiten in bestehenden Gebäuden. Das Stadtentwicklungsamt Reinickendorf, das nur größeren Bauvorhaben ohne Einfamilienhäuser zählt, kommt in seiner Statistik für 2025 auf 1.603 genehmigte Wohneinheiten, nach 434 im Jahr 2024 und 539 im Jahr 2023. Zwischen Januar und Mai 2026 wurden 366 Genehmigungen erteilt. Seit 2022 beläuft sich die Zahl der genehmigten Wohneinheiten im Bezirk insgesamt auf rund 4.040.
Die Zahlen spiegeln laut Stadträtin Stephan deutlich die ökonomischen Rahmenbedingungen wider. Vorhaben, die sich vor der Coronapandemie bereits in konkreten Abstimmungsverfahren befanden und für die bereits die Finanzierung gesichert war, wurden noch bis in die Jahre 2022 realisiert oder zumindest beantragt. Mit den geopolitischen Großereignissen, den damit verbundenen Lieferengpässen und Kostensteigerungen sowie der Anhebung der Zinsen, sind Vorhaben wieder auf den Prüfstand gekommen. Das Genehmigungsplus des Jahres 2025 gehe auf eine leichte Entspannung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die ehrgeizige Wohnungsbaupolitik der landeseigenen Wohnungsbauunternehmen zurück: „Diese sind die maßgeblichen Akteure des Wohnungsbaugeschehens im Bezirk“, so Stephan
Genehmigt ist noch nicht gebaut
Jedoch liegen die Realisierungsquoten deutlich unter den genehmigten Zahlen. Denn nicht jede genehmigte Wohnung wird auch errichtet. „Es ist durchaus wahrzunehmen, dass eine Konsolidierung unter den Projektentwicklern stattfindet und einige der genehmigten Projekte aufgrund von Insolvenzen derzeit keine Realisierungsperspektive haben“, berichtet die Stadträtin. Oft sei zudem festzustellen, „dass Projektentwickler wirklich mit großem Nachdruck die Baugenehmigungen erzielen, um dann in den Verkauf zu gehen“. Die Baugenehmigung sei dann nur Teil der Grundstücksspekulation.
Impulse durch neu geschaffene Gesetze wie das Schneller-Bauen-Gesetz oder den Bauturbo erkennt das Bezirksamt bislang nicht. Der Betrachtungszeitraum seit deren rechtlicher Wirksamkeit sei allerdings noch sehr kurz, so dass es weiterer Beobachtung bedürfe.
In den Zahlen noch nicht enthalten sind die kommenden Bauvorhaben auf dem ehemaligen Flughafengelände in Tegel. Die ersten Bauanträge werden erst im Laufe dieses Jahres erwartet. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft degewo hat im August mit bauvorbereitenden Maßnahmen begonnen. Am 3. September findet ein feierlicher Projektauftakt zum Start der Bauarbeiten auf den ersten degewo-Baufeldern im Schumacher Quartier statt. Auch zur Cité Pasteur laufen derzeit intensive Abstimmungen. „Das Bauberatungszentrum des Bezirksamts ist auf jeden Fall weiter die erste Adresse für Bauherren“, so Stephan. Das Bezirksamt ermutige Bauherren, sich frühzeitig zu melden, damit es Projekte von der ersten Idee an begleiten und Hürden früh ausräumen könne.
Branche fordert ein „Dynamik-Paket“
Um mehr Wohnungen zu schaffen und damit das Wachstum anzukurbeln, spricht sich das Pestel-Institut für eine „Wirtschaftsoffensive Wohnungsbau“ aus. Eine Forderung, die der Branche und damit denen, die in der Baupraxis arbeiten, den Rücken stärkt: „Ansonsten rutscht der Wohnungsbau Tag für Tag weiter ab“, sagt die Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), Katharina Metzger. Unternehmen der Bauwirtschaft gerieten aktuell zunehmend in wirtschaftliche Bedrängnis.
„Immer mehr Neubau-, Sanierungs- und Investitionsvorhaben werden zusammengestrichen oder ganz begraben. Immer mehr Baugenehmigungen verschwinden in den Schubladen“, warnt Michael Knüppel vom Präsidium des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel. Dessen Präsidentin fordert deshalb von der Bundesregierung ein „Dynamik-Paket ‚Wohnen macht Wirtschaft‘“. „Der Bund darf keine Zeit mehr verlieren. Er muss den schwer angeschlagenen Wohnungsbau jetzt massiv unterstützen“, so Katharina Metzger.
Konkret gehe es um „eine effektive und milliardenschwere Unterstützung des Neubaus“. Der Bund müsse dem Wohnungsbau eine verlässliche Perspektive geben. „Denn Wohnungsbau ist, gerade bei Mehrfamilienhäusern, ein auf Jahre angelegter Prozess. Es ist daher fatal, politisch immer nur in Haushaltsjahren zu denken. Wohnungsbau funktioniert nicht per Knopfdruck“, sagt Katharina Metzger. Dem Wohnungsbau für das kommende Jahr erneut die Förderung zu kürzen, sei „die Überdosis Gift für das Bauen und Wohnen in Deutschland“, die viele Unternehmen der Bauwirtschaft in die Existenzkrise treiben werde.
Weniger Normen, weniger Genehmigungen, mehr Statistik
Der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel fordert darüber hinaus mehr Tempo beim „Gebäudetyp-E-Gesetz“. Darauf warte die Branche bereits lange. „Dabei geht es darum, Bauen deutlich einfacher zu machen“, so BDB-Präsidentin Katharina Metzger. Gemeint sei eine deutliche Reduzierung bei übertriebenen Klimaschutzmaßnahmen und beim Schallschutz.
Außerdem fordert der Verband, bei Mehrfamilienhäusern bis zu 12 Wohneinheiten künftig auf eine Baugenehmigung zu verzichten, vorausgesetzt, der Bauherr stimmt zu, sich an die Vorgaben im jeweiligen B-Plan zu halten. „Das spart viel Zeit und Kosten. Das wäre ein echter Bau-Turbo für den Mietwohnungsbau, der außerdem bundesweit funktionieren würde“, so Katharina Metzger.
Zudem fordert der Verband eine monatliche „Bundesstatistik der Baubeginne“. Es sei wichtig, genau zu wissen, für wie viele Wohnungen der Bau neu begonnen habe, denn diese würden in der Regel auch fertiggestellt. Bei Baugenehmigungen sei dies anders: „In einer Baugenehmigung kann keiner wohnen. Es können fünf lange Jahre vergehen, bis aus einer Baugenehmigung eine Wohnung wird“, so Katharina Metzger.
DZ

