Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof

auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik Berlin- Reinickendorf

Überlegungen und Vorschläge zur Errichtung eines Gedenkortes

vorgelegt vom

Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof

Verantwortlich: Irmela Orland, Pastorin i.R.

Winfried Band, Psychologischer Psychotherapeut

Februar 2019


Der Freundeskreis:

Seit 2014 bemüht sich der „Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“ der ehemaligen Wittenauer Heilstätten darum, den Friedhof und seine Geschichte im Bezirk Reinickendorf und in der Stadt Berlin bekannt zu machen.

Ziel ist die Errichtung eines würdigen Gedenkortes für die hier immer noch ruhenden Opfer der Naziherrschaft von 1933 bis 1945.

Was ist an Fakten zum Anstaltsfriedhof bekannt ?

Mit der Gründung der Irrenanstalt Dalldorf 1880 wurde auch der Anstaltsfriedhof angelegt.

Für die Jahre 1934 und 1935 verzeichnet das evangelische Kirchenbuch Wittenau nur drei Bestattungen.

Zwischen 1933-1945 starben in den Wittenauer Heilstätten 4.607 Patienten (laut Sterberegister der Wittenauer Heilstätten), von denen ca. 50 % auf dem Anstaltsfriedhof bestattet wurden.

Teilweise sind uns die Namen, Geburts- und Sterbedaten und die von nationalsozialistischen Medizinern gefälschten Diagnosen aus den Akten des Landesarchivs Berlin, den evangelischen Kirchenbüchern, dem Klinik-Sterberegister und durch noch lebende Angehörige bekannt.

Eine Vielzahl von Patienten wurde nach Meseritz-Obrawalde, heute Polen, deportiert und dort umgebracht.

1995 wurde der Friedhof aufgehoben und die Grabsteine entfernt. Die Toten wurden nicht verlegt.

Die 39 Kriegsgräber von in den Endkämpfen gefallenen Soldaten wurden auf die Kriegsgräberstätte Freiheitsweg, Berlin- Reinickendorf, verlegt.

An der südlichen Friedhofsgrenze zur Siedlung Im Hufenschlag befinden sich bis heute auf 50 Metern Länge und 16 Metern Breite Reihengräber aus den Jahren 1939- 45.

Die insgesamt 15 Reihen sind in 16 Meter tiefen Doppelreihen als langgestreckte flache Hügel angeordnet, die mit Efeu bestanden sind.

Bis zur Beräumung des Friedhofes 1995 waren die Reihen mit Jahreszahlschildern von 1939 bis 1945 gekennzeichnet. Dazu liegen bislang keine Fotos vor, die Angaben werden von einer Reihe ehemaliger Angestellter der Klinik bestätigt.

In der letzten Reihe, 1945, zugehörig zu Feld 14, und dem anschließenden Dreieck Feld 15 (im 2. Bild links), befanden sich die 39 oben erwähnten, dann auf den Friedhof Freiheitsweg umgebetteten Soldatengräber.

Wer liegt in den Reihengräbern begraben ?

Wir gehen davon aus, dass in den Reihengräbern von 1939 bis 1945 Patientinnen und Patienten der Wittenauer Heilstätten begraben sind, die dort durch Vernachlässigung, Hunger und in der Ausstellung „totgeschwiegen“ dokumentierte Arzneigifte zu Tode gekommen sind.

Noch unbekannt ist, ob die Patienten mit oder ohne Sarg, hintereinander oder auch übereinander beerdigt sind, deshalb können Schätzungen der Patientenzahlen zurzeit nicht gemacht werden.

Die 2013 Patienten, die nach Meseritz-Obrawalde deportiert worden sind, sind dort fast alle ermordet worden. Bei allen Patienten wurden die Todesursachen gefälscht.

Auch die zu Tode gekommenen Patienten in den heute noch existierenden Reihengräbern gelten damit als Opfer nationalsozialistischer Gewaltanwendung.

Zustand der Reihengräber 2019:

Die beiden Fotos zeigen den Zustand der Reihengräber, wie oben auf der Planskizze dokumentiert, im Winter 2018- 2019.

Links sind auf Foto 1 die neuen Reihenhäuser der Siedlung Am Hufenschlag zu erkennen.

Die Reihengräber sind begrenzt von einer Lindenallee und der Friedhofsgrenze zur Siedlung.

Die Doppelreihen sind insbesondere auf Foto 2 noch zu erkennen. Sie sind durch Efeubewuchs und junge Ahorne seit der Auflassung des Friedhofes 1995 stark überwuchert.

Vor jeder Doppelreihe stand bis 1994 am Wegrand ein aus Metall gefertigtes Jahreszahlenschild von 1939 bis 1945.

Welche historische Bedeutung hat dieser Gedenkort?

Für die Entwicklung der Psychiatrie in Reinickendorf, Berlin und Gesamtdeutschland, die während der Zeit des Nationalsozialismus in die Ermordung Tausender psychisch kranker und geistig behinderter Menschen mündete, hat dieser authentische Gedenkort des Alten Anstaltsfriedhofes und das gesamte Ensemble von heute unter Denkmalschutz stehenden Klinikgebäuden sowie der Kinderklinik Wiesengrund eine überregional herausragende historische und aktuelle politische Bedeutung.

Hier lässt sich nicht nur die historische Entwicklung der Versorgung von psychisch erkrankten Menschen von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus ablesen, sondern auch der Umgang mit den Opfern der Naziherrschaft und ihren Gräbern in der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tage.

Über den medizinischen Umgang mit psychisch erkrankten Patienten der Wittenauer Heilstätten während der Nazizeit informiert seit Jahren eine Publikation und mit gleichem Namen die Ausstellung „totgeschwiegen 1933- 1945“ auf dem Gelände der heutigen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Haus 10, in der Verantwortung des Vereins „totgeschwiegen, Gesellschaft gegen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen e. V.“ .

Eine Gedenktafel für die in den Wittenauer Heilstätten und in Meseritz-Obrawalde umgebrachten Patienten befindet sich am Pförtnerhaus der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Oranienburger Str. 285.

Wie könnte der Gedenkort gestaltet werden?

Der authentische „Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“ stellt sich 2019 noch als ein überwucherter, fast unkenntlicher „Unort“ dar, bis vor einigen Jahren aus dem Gedächtnis und dem Gedenken gestrichen.

Neben den oben beschriebenen Reihengräbern existieren einige Fotos von Grabsteinen zu Tode gekommener Angehöriger.

Weiterhin existieren eine Reihe von Daten und Beerdigungsscheinen aus dem Landesarchiv Berlin, der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Wittenau sowie der Katholischen Pfarreien St- Marien-Rdf. und St. Rita mit Geburts- und Sterbedaten sowie den gefälschten Diagnosen und Todesursachen von Patienten, die auf dem Friedhof bestattet wurden.

Der Eingang des Alten Anstaltsfriedhofes wird bis heute von zwei Friedhofsmauerresten gekennzeichnet, die das nicht mehr existierende schmiedeeiserne Tor flankierten.

Eine Gestaltung des Friedhofes als historischen Gedenkort für die Patienten der Wittenauer Heilstätten, die Opfer nationalsozialistischer Gewaltanwendung wurden und dort bestattet sind, ist mit relativ einfachen Mitteln möglich.

Wir schlagen folgende bauliche Maßnahmen vor:

Sicherung und Erhalt der beiden Mauerteile des Eingangstores, Beräumung von Gestrüpp und Ausbringung von feinem Kies um die Tormauer

Fällen der jungen Ahorne auf den Reihengräbern

Umzäunung der Reihengräber wie beispielhaft bei der Kriegsgräberstätte Schönholzer Heide, Pankow

Baumsicherungsmaßnahmen für eine ungefährdete Nutzung der beiden Friedhofs-Hauptwege

Aufstellen eines verglasten Informations-Schaukastens im Eingangsbereich der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Oranienburger Straße 285 mit folgenden Informationen:

– Lageplan der Klinik mit dem hervorgehobenen Bereich des Alten Anstaltsfriedhofes, der Ausstellung „totgeschwiegen 1933- 1945“ in Haus 10 und der Erinnerungstafel für die in den Wittenauer Heilstätten und in Meseritz-Obrawalde ermordeten Patienten der Klinik am Pförtnerhaus

– Kurze Informationen über die Rolle der Psychiatrischen Kliniken in der Zeit des Nationalsozialismus, die Rassegesetze und die Euthanasieprogramme

– Kurze Informationen über die Geschichte des Alten Anstaltsfriedhofes und die Lage des Eingangstores und der Reihengräber

– Hinweis auf die Klinik Wiesengrund am Reinickendorfer Rathaus und die dortigen Euthanasieverfahren an Kindern und Jugendlichen

Umzäunung Kriegsgräberstätte Schönholzer Heide mögliche Kennzeichnung des Eingangsbereiches

Mit diesen Überlegungen und Vorschlägen wird sich der „Freundeskreis Alter Anstaltsfriedhof“ der ehemaligen Wittenauer Heilstätten weiterhin auf allen politischen Ebenen des Bezirkes Reinickendorf und der Stadt Berlin für die Einrichtung eines würdigen und der historischen Entwicklung entsprechenden Gedenkortes Alter Anstaltsfriedhof einsetzen.

Berlin- Reinickendorf, 12.02.2019

für den Freundeskreis:

Irmela Orland

Pastorin i.R., Strawinskystr. 10, 13158 Berlin, 0173-63 74 951,

religion@t-online.de

Winfried Band

Psychologischer Psychotherapeut, Hinter der Dorfaue 10, 13407 Berlin, 030 – 495 80 62

winfried-band@web.de

https://freundeskreis-anstaltsfriedhof.jimdo.com

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