
Blechschilder aus der Kanonenhalle am Borsigturm gehen von Tegel aus in die ganze Welt. Wie die Lastwagen des Herstellers Nostalgic-Art die denkmalgeschützte Produktionshalle künftig noch anfahren können, wird seit längerem kontrovers diskutiert. Der Konflikt schwelt, seit bekannt wurde, dass eine bisher auch von Nostalgic-Art genutzte Zufahrtsstraße von der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) verkauft werden soll. Jetzt deutet sich Bewegung an.
Auf eine Nachfrage der Dorfzeitung teilte ein Sprecher Bezirksamts mit, der Bezirk stehe in regelmäßigem Kontakt zu dem Unternehmen Nostalgic Art. Im Februar dieses Jahres habe es zuletzt ein Gespräch bei Bürgermeisterin Demirbüken-Wegner mit Beteiligung der bezirklichen Wirtschaftsförderung, der Stadtplanung und der IHK Berlin gegeben. Es verlief zunächst allerdings ergebnislos. Die Beteiligten seien zu dem Konsens gekommen, dass Abstimmungen auf privatrechtlicher Ebene zwischen den Eigentümern der benachbarten Grundstücke, der Nostalgic-Art Merchandising GmbH und der German University in Cairo (GUC), für eine Lösung notwendig seien.
Soweit dem Bezirk bekannt, kam es inzwischen zum Austausch der beiden Parteien und zu einer ersten Annäherung. Das Bezirksamt habe regelmäßig seine Gesprächsbereitschaft signalisiert und stehe für weitere Unterstützung jederzeit zur Verfügung.
Worum es in dem Streit geht
Nostalgic-Art produziert in der historischen Kanonenhalle, die das Unternehmen Borsig 1916-17 für die Munitionsproduktion errichten ließ, hochwertige Blechschilder und beschäftigt dort rund 50 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat die denkmalgeschützte Halle zwischen 2007 und 2009 aufwendig saniert. Der Bezirk prämierte die Sanierung 2010 mit dem Bauherrenpreis. Die geplante Erweiterung der German University in Cairo auf dem unmittelbar angrenzenden Gelände betrifft die bisherige Zufahrt zum Betriebsgelände und würde die Anlieferung mit großen Lkw erheblich erschweren.
Bereits im Oktober 2025 hatte sich das Bezirksamt eingeschaltet. Nostalgic-Art möchte die Kanonenhalle weiterhin rückwärts mit großen LKW anfahren. Das würde während der Anlieferung die Zufahrtsstraße blockieren. Dem konnte der Bezirk nicht zustimmen, weil das die Rettungsdienste behindern würde. Ein Anrecht auf eine Blockade der Zufahrtsstraße sei gerichtlich verneint worden. Als Alternative wurde unter anderem eine Anlieferung über das westlich angrenzende ehemalige Motorola-Gelände, heute Sitz des Bundesarchivs, geprüft und empfohlen. Das setzt allerdings voraus, dass privatrechtliche Einigungen mit den betroffenen Eigentümern erzielt werden.
SPD-Kandidat Steffen Krach greift das Thema im Wahlkampf wieder auf
Mitte August besuchten Vertreter der SPD das Unternehmen Nostalgic-Art. Spitzenkandidat Steffen Krach, der Reinickendorfer Wahlkreiskandidat Samuel Märkt und SPD-Bürgermeisterkandidat Alexander Ewers informierten sich über die Auswirkungen der geplanten baulichen Veränderungen bei der benachbarten GUC. Krach forderte eine faire Perspektive für Nostalgic-Art: „So geht man mit einem Berliner Markenunternehmen nicht um“, kritisierte er. „Wer bestehende Gewerbestandorte sichern und Arbeits- und Ausbildungsplätze in Berlin erhalten will, muss bei der Entwicklung neuer Nutzungen auch die Unternehmen berücksichtigen, die bereits vor Ort erfolgreich wirtschaften. Wir benötigen hier eine Lösung, ohne dass Nostalgic-Art dadurch in seiner Existenz und Entwicklung am Standort eingeschränkt wird. Unternehmen und Uni, beides muss gehen, weil beides für Reinickendorf wichtig ist“, so der SPD-Spitzenkandidat.
Laut einer Mitteilung der SPD habe die Senatsverwaltung für Wirtschaft gegenüber Nostalgic-Art betont, dass ihr übergeordnetes Ziel sei, Gewerbestandorte für produzierende Unternehmen zu sichern und deren Verdrängung durch heranrückende sensible Nutzungen entgegenzutreten. Dafür müssen der Bezirk und die GUC ihre Planung lediglich um wenige Meter anpassen, damit auch die großen Lkw wieder rangieren könnten. Warum diese Anpassung nicht möglich sein sollte, ist für Märkt unverständlich: „Scheinbar fehlt der Bezirksbürgermeisterin der politische Wille, ein Nebeneinander von GUC und Nostalgic-Art zu ermöglichen.“
Aus Sicht von Samuel Märkt geht es dabei längst nicht mehr nur um die Frage einer einzelnen Zufahrt. Der Vorgang wirft für ihn grundsätzlich die Frage auf, welchen Stellenwert bestehende Unternehmen und Arbeitsplätze bei der Entwicklung von Gewerbestandorten in Reinickendorf haben: „Die Bezirksbürgermeisterin muss sich fragen lassen, ob sie die Interessen des gesamten Bezirks im Blick hat oder ob bei diesem Projekt die Nähe zur GUC zu einer einseitigen Betrachtung führt,“ so Märkt. „Es kann nicht sein, dass ein erfolgreiches Reinickendorfer Unternehmen mit seinen Arbeitsplätzen die Konsequenzen einer Entwicklung tragen soll, auf die es keinen Einfluss hat.“
Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) erklärt dazu: „Als für die Wirtschaft zuständige Dezernentin setze ich mich gemeinsam mit der bezirklichen Wirtschaftsförderung und dem Ansiedlungsmanagement mit großem Engagement für die Belange der Reinickendorfer Unternehmen ein. Unser Ziel ist es, die Unternehmen in allen Phasen bestmöglich zu unterstützen und verlässliche Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. Als Ansprechpartner stehen wir den Betrieben jederzeit unterstützend zur Seite und setzen uns dafür ein, gemeinsam pragmatische Lösungen zu entwickeln.“
Nostalgic-Art Geschäftsführer Teja Engel machte bei dem Besuch der SPD deutlich, dass das Unternehmen am Standort festhalten will: „Wir wollen bleiben, weiter investieren und Arbeitsplätze sichern. Wir erwarten aber, dass bei der Veränderung unseres direkten Umfelds auch unsere berechtigten Interessen und die Zukunft unseres Unternehmens berücksichtigt werden.“
DZ