Preisgekröntes Lüderitz-Bild abgehängt: QR-Code ersetzt historisches Foto im Rathaus

Großformatige Fotografien aus Namibia hängen an einer weißen Galeriewand im Rathaus Reinickendorf, rechts eine blaue Tür mit der Aufschrift Bürgermeisterin
Fotografien aus der Serie „Lüderitz“ von Tim Gassauer hängen in der Rathaus-Galerie Reinickendorf. Neben dem Bürgermeisterbüro ersetzt ein QR-Code das fehlende Bild. Bild: © Claudia Kursawe

Die Jury des Förderpreises Junge Kunst 2026 des Kunstvereins Centre Bagatelle und der Kommunalen Galerien Reinickendorf zeichnete Tim Gassauer für seine Fotografie-Serie „Lüderitz“ aus, mit der er bereits im In- und Ausland Preise gewonnen hat. „Die Jury würdigt Relevanz, Aktualität und überzeugende Umsetzung der mehrjährigen Recherche zu ‚Lüderitz‘.“

Die Verleihung des Förderpreises Junge Kunst und Eröffnung der Ausstellung fanden am 22. September im Rathaus Reinickendorf statt. Neun junge Talente waren nominiert. Den 1. Preis erhielt Minu Park, Auszeichnungen gingen an Rebekka Benzenberg und Tim Gassauer.

Worum es in „Lüderitz“ geht

In seiner Serie beschäftigt sich Tim Gassauer mit dem Ort Lüderitz in Namibia und Lüderitz in Sachsen-Anhalt. Lüderitz in Namibia wurde in der Kaiserzeit als deutsche Kolonialisierung gegründet. Später gab es dort weiterhin deutsche Bewohner, auch während der NS-Zeit.

Teil der Serie ist ein Archivbild von 1939. Es zeigt turnende Frauen mit zwei Hakenkreuzfahnen im Hintergrund. Gefunden hatte es Tim Gassauer im Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Es ist also ein zeitgeschichtliches Dokument, das die Geschichte Deutschlands in Namibia in der NS-Zeit fotografisch abbildet.

Ohne dieses Bild ist die Erklärung, warum der Fotograf und Preisträger Tim Gassauer nach Namibia gereist ist und seinerseits dort die Spuren der deutschen Vergangenheit fotografierte, nicht zu verstehen. Er selbst sagt dazu: „Das Archivbild ist ein wichtiger Aspekt und visueller Impuls für die Arbeit, bei der es um die Verbindungslinien zwischen der deutschen Kolonialzeit und dem Nationalsozialismus geht.“

Das abgehängte Archivbild von 1939 zeigt turnende Frauen in Lüderitz vor zwei NS-Fahnen, hier abfotografiert aus dem Dokumentationsband zu „Lüderitz“. Bild: © Tim Gassauer

Abgehängt kurz vor der Eröffnung

Kurz vor der Preisverleihung und Eröffnung der Ausstellung wurde genau diese historische Fotografie aus der NS-Zeit von der Wand genommen. Der Kunstverein berichtet, er habe am Abend der Preisverleihung zunächst die Auskunft erhalten, das Bild würde stören und die damalige Bürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner habe das Abhängen veranlasst.

In ihrer Laudatio sagte die Kunsthistorikerin Dr. Almut Cornelia Hüfler: „Was auf den ersten Blick schön und malerisch erscheinen mag, entfaltet gerade in der Gegenüberstellung der verschiedenen historischen Ebenen eine erschreckende Aktualität und provoziert immer wieder dringend nötige Gespräche: An was will man sich erinnern, an was will man wie erinnert werden, was haben wir kollektiv verdrängt und ausgeblendet, was hält man aus? Was darf in der Kunst sichtbar gemacht werden, was nicht? Durch das Abhängen eines der Bilder kurz vor der Eröffnung hat die Installation eine völlig unerwartete, zusätzliche Brisanz bekommen. Dieser Akt des Eingreifens von höherer Stelle gehört nun unweigerlich auch zur Geschichte dieser Arbeit.“

Kunstverein sieht Eingriff in die Kunstfreiheit

Daraufhin wandte sich der Kunstverein Centre Bagatelle nach eigenen Angaben direkt an die Bürgermeisterin und bot ein persönliches Klärungsgespräch an. Der Verein machte deutlich, dass er das Abhängen als Eingriff in die Kunstfreiheit bewertet. Die Bürgermeisterin soll antwortete haben, dass sie das Abhängen nicht veranlasst habe. Das Bild störe aber, da es direkt neben ihrer Eingangstür zum Büro angebracht worden war. Es sei deswegen bereits zu Irritationen gekommen.

Der Künstler sagt zu dem Entfernen des Bildes: „Ich finde es bemerkenswert, dass man die Aussage meiner Arbeit ignoriert und das NS-Archivbild nicht aushalten kann. Was traut man den BesucherInnen überhaupt noch zu?“

Aus der Sicht des Kunstvereins Centre Bagatelle als Träger des Kunstpreises darf die Fotografie gezeigt werden, weil sie dem legitimen Zweck dient, mit einer künstlerisch-dokumentarischen Auseinandersetzung die NS-Zeit historisch aufzuarbeiten. Die bloße Sichtbarkeit von Hakenkreuzen auf einem historischen Foto rechtfertigt keine automatische Entfernung, auch nicht im öffentlichen Raum, sofern das Bild in einem geschützten Kontext wie Kunst oder Historie steht. Kuratiert wurde die Ausstellung von den Mitarbeitern des städtischen Kulturamtes. Der Kunstverein Centre Bagatelle distanziert sich ausdrücklich von der Entfernung der historischen Fotografie aus der Ausstellung.

Anfang Oktober fehlte in der Ausstellung dann auch der Hinweis auf das abgehängte Bild sowie das letzte Exemplar der gedruckten Fotodokumentation, in der das Bild ebenfalls enthalten ist.

Ein QR-Code an der Stelle des abgehängten Bildes verweist auf die Webseite von Tim Gassauer und zeigt die fehlende Archivfotografie. Bild: © Claudia Kursawe

QR-Code statt Lücke

Am 28. Oktober tauschte der Vorstand des Kunstvereins Centre Bagatelle in einem Gespräch mit der damaligen Bürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner, dem früheren Kulturstadtrat Harald Muschner sowie dem Amtsleiter für Kultur, Herrn Schmieden, seine Argumente aus.

Das Archivbild wurde demnach von Entscheidungsträgern aus dem Rathaus aus der Ausstellung entfernt und befände sich jetzt im Depot des Museums Reinickendorf. Der QR-Code, den der Kunstverein beim Künstlerinnen- und Künstler-Rundgang an die Stelle des fehlenden Bildes gehängt hatte, wurde seitens des Bezirksamtes akzeptiert und kann hängen bleiben, teilte der Verein mit.

Der QR-Code verweist auf die Webseite von Tim Gassauer, das Lüderitz-Projekt, und zeigt die fehlende Archivfotografie. Zusätzlich wird das dazugehörende Fotobuch wieder zur Einsicht ausgelegt. So können sich Interessierte über den Hintergrund des Fotografie-Projektes, das auf die Verbindung zwischen Kolonialismus und NS-Unrecht hinweist, informieren.

Der Kunstverein Centre Bagatelle wünscht sich aber weiterhin, dass die Serie „Lüderitz“ von Tim Gassauer wieder vollständig an ihrem jetzigen und vom Fachbereich Kunst und Geschichte so kuratierten Standort gezeigt wird.

Artist Talk mit Tim Gassauer im Januar

Am 8. Januar 2027 wird es um 18 Uhr in der Kommunalen Galerie im Rathaus Reinickendorf einen Artist Talk mit den Preisträgern Minu Park (1. Preis), Rebekka Benzenberg und Tim Gassauer (Auszeichnungen) geben. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung Förderpreis Junge Kunst 2026 ist noch bis zum 15. Januar 2027 während der Öffnungszeiten im Rathaus Reinickendorf zu sehen.

DZ

Infos zur Ausstellung

Datum: Ausstellung Förderpreis Junge Kunst 2026 bis 15. Januar 2027, montags bis freitags 9 bis 18 Uhr; Artist Talk mit Minu Park, Rebekka Benzenberg und Tim Gassauer am Freitag, 8. Januar 2027, 18 Uhr
Ort: Rathaus-Galerie Reinickendorf, Eichborndamm 215, 13437 Berlin-Wittenau (in Google Maps öffnen)
Eintritt: frei
Veranstalter: Kunstverein Centre Bagatelle und Kommunale Galerien Reinickendorf
Internet: www.kunst-reinickendorf.de
Anfahrt: U-Bahnhof Rathaus Reinickendorf (U8)

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