Amphibienbericht: Kaum noch Kröten und Frösche in Reinickendorf

Eine Kreuzkröte mit hellem Rückenstreifen und grünlichen Augen sitzt nachts auf feuchtem, rötlichem Boden am Rand eines Gewässers
Eine seltene Kreuzkröte nachts am Ufer eines Gewässers. In Berlin lebt die Art nur noch an einem Standort in Pankow. In Reinickendorf wurde sie zuletzt in den 1920er Jahren nahe dem S-Bahnhof Wittenau nachgewiesen. Bild: © Stiftung Naturschutz Berlin, S. Bengsch

Für Berlins Frösche, Kröten und Molche ist es nach Einschätzung der Stiftung Naturschutz Berlin „fünf nach zwölf“: Rund drei Viertel der größeren Amphibienpopulationen der Stadt sind verschwunden. Das zeigt der jetzt vorgelegte Berliner Amphibienbericht 2026, den die Stiftung für die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt erstellt hat. Reinickendorf gehört zu den Bezirken, in denen der Bericht den Verlust früherer Schwerpunktvorkommen besonders deutlich dokumentiert: Gewässer, an denen vor wenigen Jahren noch Hunderte oder Tausende Tiere gezählt wurden, sind heute leer.

Mehr als 700 Gewässer hat die Stiftung zwischen 2016 und 2023 im gesamten Stadtgebiet untersucht und dabei über 13.000 Amphibiennachweise dokumentiert. Von den 162 Gewässern, an denen in den 1980er- und 1990er-Jahren besonders große Vorkommen mit mehr als 100 rufenden Tieren bestanden, sind heute nur noch 43 übrig. Das entspricht einem Rückgang von 73,5 Prozent. „Von den größeren Vorkommen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren noch existierten, sind heute wenn überhaupt nur noch Relikte vorhanden“, sagt Susanne Bengsch, Amphibienexpertin und Leiterin der Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung Naturschutz Berlin. Betroffen seien längst nicht nur seltene Arten: „Auch Erdkröte, Teichmolch und Teichfrosch, die viele Berlinerinnen und Berliner für selbstverständlich halten, finden wir immer seltener in größeren Beständen.“

Acht Arten in 64 Reinickendorfer Gewässern

Für Reinickendorf verzeichnet der Bericht 64 untersuchte Gewässer, dazu vier bezirksübergreifende, mit 1.249 Fundpunkten und acht Amphibienarten: Teichfrosch, Erdkröte, Teichmolch, Grasfrosch, Moorfrosch, Knoblauchkröte, Kammmolch und Seefrosch. Bergmolch, Wechselkröte, Rotbauchunke und Kleiner Wasserfrosch kommen in Reinickendorf nicht mehr vor. Als Schutzgebiete mit Amphibienvorkommen nennt der Bericht das Tegeler Fließtal mit dem Kalktuffgelände und den Niedermoorwiesen sowie die Landschaftsschutzgebiete Flughafensee, Waldgelände Frohnau und Tegeler Forst.

An einigen Stellen ist Reinickendorf noch immer ein Schwerpunkt. Beim Teichmolch wurden mit 42 Vorkommen gemeinsam mit Lichtenberg die meisten in ganz Berlin festgestellt, vor allem in Frohnau. Für die Erdkröte ist Heiligensee neben Spandau-Hakenfelde der Verbreitungsschwerpunkt der Stadt, mit der höchsten Zahl besetzter Gewässer. Das größte Einzelvorkommen, das die Kartierung berlinweit erfasst hat, lag mit rund 650 erwachsenen Tieren im Jahr 2020 am Hubertussee in Frohnau. Auch beim Grasfrosch gilt Heiligensee mit mehreren größeren Vorkommen als Schwerpunkt; bei der Zahl der besiedelten Gewässer teilt sich Reinickendorf mit Steglitz-Zehlendorf den Spitzenplatz.

Forstteich an der Roten Chaussee: 98 Prozent weniger Erdkröten

Wie schnell ein solcher Bestand kippen kann, zeigt der Bericht am Forstteich an der Roten Chaussee zwischen Frohnau und Heiligensee. Dort betreut die Stiftung Naturschutz Berlin seit 2017 mit Unterstützung von Ehrenamtlichen einen rund 300 Meter langen Amphibienzaun. Die Sammeleimer werden im Frühjahr täglich kontrolliert, die gefundenen Tiere sicher über die Straße getragen. Trotz dieser Schutzmaßnahme brach der Bestand von knapp 1.200 erwachsenen Erdkröten im Jahr 2017 auf 28 Tiere im Jahr 2025 ein, ein Rückgang um 98 Prozent.

Als Ursache benennt der Bericht den Waschbären, der das Vorkommen am Forstteich seit 2018 jedes Jahr zur Laichzeit dezimiert. Allein im Frühjahr 2019 wurden dort innerhalb von zwei Wochen fast 80 überwiegend tote und gehäutete Erdkröten und vereinzelt Grasfrösche gefunden. Wildtierkameras belegten den Waschbären zweifelsfrei als Täter. Am Ersatzlaichgewässer in Hermsdorf lagen im März 2023 fast 20 getötete Erdkröten. Solche Einbrüche seien keine Ausnahme mehr, sondern die Regel, heißt es im Bericht. Je kleiner ein Bestand bereits ist, desto dramatischer wirke sich der Waschbär aus, weil die geringe oder ausbleibende Fortpflanzung die Verluste nicht mehr ausgleichen kann.

Hermsdorfer See, Bumpfuhl, Flughafensee: wo es still geworden ist

Die Liste der Reinickendorfer Gewässer, an denen die Kartierung keine oder fast keine Tiere mehr fand, ist lang. Am Hermsdorfer See wurden 2002 noch 3.086 erwachsene Grasfrösche gezählt, 2017 ein einziges Tier. Am Lehmgrubenteich waren es 1992 noch 195 Grasfrösche, 2017 keiner mehr. Am Koldischteich lebten 1992 noch 993 Erdkröten, 2020 wurde keine mehr nachgewiesen. Am Bumpfuhl dokumentierten die Kartierer 2018 noch weit über 50 Laichballen von Gras- und Moorfröschen, Hunderte Kaulquappen, Dutzende frisch umgewandelte Jungtiere und über 150 erwachsene Erdkröten. 2022 war dort trotz optimaler Bedingungen keine der drei Arten mehr zu finden.

Beim Teichmolch sind die historischen Massenvorkommen des Bezirks eingebrochen: Am Flughafensee sank die Zahl von 1.633 Tieren im Jahr 2003 auf neun im Jahr 2018 und null im Jahr 2023, am Rosenthalbecken von 1.228 Tieren 1992 auf zwei im Jahr 2018. Die Knoblauchkröte hält sich in Reinickendorf nur noch in fünf Gewässern mit sehr kleinen Beständen; am Kleinen Kiesteich am Flughafensee, wo 2003 noch 149 erwachsene Tiere lebten, blieb der Nachweis 2023 aus. Der Kammmolch kommt nur noch in drei Gewässern vor, sein Rückgang wird für Reinickendorf als besonders deutlich bezeichnet. Wechselkröte und Kreuzkröte sind im Bezirk nur noch historisch belegt, etwa am S-Bahngelände bei Wittenau, in Hermsdorf und in Lübars. Der Moorfrosch lebt noch in sechs Reinickendorfer Gewässern, in zweien davon pflanzt er sich fort. Beim Seefrosch, früher am Tegeler See verbreitet, bleibt ein einziges Vorkommen ohne Nachwuchs.

Waschbär, Versiegelung, Trockenheit

Der Bericht nennt eine Reihe von Gründen für den Rückgang: Amphibien brauchen nicht nur geeignete Laichgewässer, sondern auch intakte Lebensräume an Land und einen funktionierenden Biotopverbund. Gewässerverlust, Versiegelung, Schadstoff- und Nährstoffeinträge, Nutzungsdruck und Entwässerungssysteme setzen den Tieren ebenso zu wie der Waschbär und eingeschleppte Krankheiten. Die Klimakrise verschärft die Lage durch längere Trockenphasen und Hitzesommer. Die Folgen sind deutlich: Alle Amphibienvorkommen, die unter dem besonderen Schutz der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie stehen, befinden sich in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Kein einziges wurde als „günstig“ bewertet. Berlin ist verpflichtet, für diese Arten einen günstigen Erhaltungszustand herzustellen und zu bewahren.

„Der Rückgang der Berliner Amphibien ist mehr als ein Problem des Artenschutzes. Er ist ein Warnsignal für den ökologischen Zustand unserer Stadt“, betont der Ratsvorsitzende der Stiftung, Staatssekretär Andreas Kraus von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Für Stefan Richter, Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz Berlin, ist der Bericht ein Arbeitsauftrag: „Die Amphibien zeigen uns auf dramatische Weise, dass wir gerade unsere eigene Lebensgrundlage zerstören. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es gemeinsam gelingen kann, dieses Artensterben noch zu stoppen und umzukehren.“

Was im Bezirk bereits geschieht und was helfen soll

In Reinickendorf gibt es mobile Leiteinrichtungen an der Roten Chaussee, betreut von der Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung und der Unteren Naturschutzbehörde Reinickendorf, sowie an der Sangerhauser Straße, am Forstteich und am Sandhauser Weg. Das eigens angelegte Ersatzlaichbiotop in Hermsdorf haben alle drei Zielarten Erdkröte, Grasfrosch und Teichfrosch als Laichgewässer angenommen. Allerdings hat sich dort trotz Umzäunung und Beschilderung innerhalb von fünf Jahren ein großer Bestand an Goldfischen gebildet, die Laich und Larven fressen.

Der Amphibienbericht gibt Empfehlungen und benennt konkrete Maßnahmen: Bestehende Gewässer müssen gepflegt und renaturiert, neue Laichgewässer geschaffen, Landlebensräume aufgewertet und Wanderkorridore gesichert werden. Teilweise soll auch über Unterstützungsaufzuchten oder Nachzuchten nachgedacht werden. Gefahrenstellen an Straßen und Schächten sowie der Einfluss invasiver Arten sollen stärker in den Blick genommen werden. Ein fortlaufendes Monitoring und die Einbindung der Stadtgesellschaft, etwa über die Forschungsplattform ArtenFinder Berlin, sollen helfen, Veränderungen im Blick zu behalten. Werden die Maßnahmen zeitnah und wirkungsvoll umgesetzt, besteht nach Einschätzung der Stiftung Hoffnung für die Kröten, Frösche, Unken und Molche Berlins. Die Zusammenfassung und der vollständige Amphibienbericht stehen auf der Internetseite der Stiftung Naturschutz Berlin zum Herunterladen bereit.

DZ

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